Textdaten Autor: Edgar Allan Poe Titel: Die Schläferin aus: Ausgewählte Gedichte Auflage: 1. Auflage Erscheinungsdatum: 1891 Verlag: Verlag des Bibliographischen Bureaus Erscheinungsort: Berlin Übersetzer: Hedwig Lachmann (1865-1918) Quelle: Scans auf commons S. 36–38 {{{EXTERNESBILD}}} Bearbeitungsstand fertig Fertig. Dieser Text wurde zweimal anhand der Quelle korrekturgelesen. Die Schreibweise folgt dem Originaltext. [36] Die Schläferin. Ich steh’ um Mitternacht allein Im mystisch weißen Mondenschein. Dem vollen, goldenen Gestirne Entströmen feuchte Nebeldünste 5 Und fallen auf die blauen Firne Wie silberweiße Lichtgespinnste, Um sich von dort melodisch leise, Und schläfrig langsam, tropfenweise, Wie bunte, schimmernde Juwelen 10 In das entschlafne Thal zu stehlen. Vom Grabe winkt der Rosmarin Zu den verschlafnen Lilien hin; Die wankenden Ruinen raffen Erschauernd um die morschen Glieder 15 Ihr Nebelkleid und sinken nieder, In alle Ewigkeit zu schlafen; Der See dort – Lethe ist nicht stummer Als er in seinem tiefen Schlummer. [37] Es ruht das All. Die Zweige nicken 20 Süß eingewiegt – wo aber liegt Irene mit ihren Geschicken? O wundersame, bleichwangige Dame, Wie unbedacht, dies Fenster bei Nacht So offen den Gästen, die von den Aesten 25 Mutwillig hüpfen, in’s Zimmer schlüpfen, Den Winden, den losen, fürwitzigen Rangen, Die in den Gardinen sich lachend verfangen, Und sie so unbändig und so beständig Zerren und zausen dicht über den langen 30 Seidenen Wimpern auf deinen Wangen, Daß über den Boden weg durch das Fenster Die Schatten fallen wie schwarze Gespenster. O wundersame, bleichwangige Dame, Wo kommst du her? Wohl gar übers Meer? 35 Und sag’ mir, warum nur bist du so stumm? Ist dir wohl bang? Du bist so eigen, Dein Haar ist so lang, so seltsam dein Schweigen! Die Dame schläft. O wär’ so mild Ihr Schlummer, als er lange währt! 40 Der Himmel sei ihr heilger Schild. Mag sie auf ewig ungestört, In einem heiligeren Bette, An melancholischerer Stätte, [38] Wo sich Cypressen leise wiegen, 45 Mit festgeschlossnen Augen liegen! Es schläft mein Lieb. O, daß so mild Ihr Schlummer, als er ewig ist! Daß sich ihr eine Gruft erschließt In einem Walde dicht und wild, 50 Ein tiefes, ruhevolles Grab An einem stillen Ort, fernab – So eine festverschloss’ne Gruft, Aus der sie fürder nichts mehr ruft, Die Reue nicht, die Buße nicht, 55 Bis an das ewige Gericht. – Kategorien: Fertig | Werke | 19. Jahrhundert | Englisch | Gedicht | USA | Edgar Allan Poe | Anglistik / Amerikanistik